Glauben, Nachdenkenswertes
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Schwangerschaftsabbruch – fangt endlich an zu reden!

Unser Leben schwankt zwischen einfältigen und leichten Gedanken. Wir überlegen uns, welches Eis wir essen können, welches Sandspielzeug am Besten geeignet ist, wie wir die Flecken aus dem Sofa bekommen oder was wir bei der aktuellen Hitze essen könnten. Diese Themen haben durchaus ihre Berechtigung und lassen uns mit leichten Wellen durchs Leben schaukeln. Daher gibt es diese Themen hier auch auf der Homepage, denn auch sie bewegen meinen Alltag. Man kann nicht mal sagen, dass diese Themen nicht wichtig sind, denn mit Kindern ist es mehr als wichtig, dass unser Alltag leicht und unkompliziert ist, damit wir bessere Eltern sein können.

Doch es gibt auch Themen, die beschäftigen uns und dann gehen sie irgendwie unter im vollen Alltag. Aber, hier ist der Punkt. Wir dürfen ihnen nicht ausweichen. Wir müssen sie aushalten und müssen diskutieren, dürfen respektvoll streiten und gegensätzliche Meinungen tolerieren. Toleranz kommt übrigens vom lateinischen Wort tolerare=ertragen. Selbst wenn es schwer ist, ertrage ich eine andere Meinung.

Schwangerschaftsabbruch – die persönliche Story

In den letzten Wochen ploppt in meiner Gegenwart immer wieder das Thema “Abtreibung” auf. Aus verschiedenen Richtungen und ich habe eine ganz eigene Meinung zu diesem Thema.

Vor 2 Jahren bewegte mich das Thema schon mal. Ich recherchierte und schrieb für die Zeitschrift family einen Artikel. Es war ein Artikel über eine Familie, die sich für das Kind entschieden hat und über zwei Frauen, die sich dagegen entschieden und es bereut haben. Eine Frau schaffte es mit ihrer ganz eigenen Geschichte damals auf den Blog. Es berührte mich sehr. Lest euch den Artikel durch, bitte.

Vor ein paar Wochen berichtete mir eine Bekannte unter Flüstern, dass sie einen Schwangerschaftsabbruch habe vornehmen lassen. Ich umarmte sie, ihr Herz war schwer. Sie konnte das Baby nicht bekommen, ihre vorherige Schwangerschaft endete sehr dramatisch und beinah tödlich für sie und das Kind, und führte zu einer schweren Depression mit suizidalen Gedanken. Allein der Moment, als sie entdeckte, schwanger zu sein, machte sie panisch. Dann auch noch all die Wege zu gehen, die ihr der Staat auferlegt hatte zu gehen, war beinah unersträglich.

Meine These

Ich möchte die These aufstellen, dass keine Frau (außer sie ist drogenabhängig und jeden Monat in der Abtreibungsklinik) “einfach” einen Embryo abtreiben lässt. Für  deren Kinder ist es vielleicht sogar ein Glück, nicht unter Drogen auf die Welt zu kommen, aber diesen Gedanken will ich mal außen vor lassen.

Ich bin für Leben und für Babys, die leben dürfen. Ich bin mir bewusst, dass ich mich nicht nur als Mensch, sondern auch als Theologe dafür einsetzen möchte. Aber, und hier kommt der Punkt: Niemals würde ich an einem der so genannten Protestmärsche, genannt “Schweigemärsche für das Leben” teilnehmen, der gegen Frauen protestiert, die eine sehr schwerwiegende Entscheidung in ihrem Leben getroffen haben. Vielleicht haben sie diese getroffen, weil sie sehr jung waren und mit 16 nicht schwanger sein wollten. Vielleicht konnten sie aufgrund einer Krankheit kein Kind mehr austragen. Vielleicht war die Schwangerschaft lebensbedrohlich. Vielleicht waren ihre sozialen Umstände so schlecht, dass es einem Kind sehr schlecht ergangen wäre. Ganz bewusst nenne ich diese Gründe und bin mir durchaus bewusst, dass es sicherlich auch Frauen gibt, die leichtsinnig nicht verhüten und sich immer und immer wieder in diesen Kliniken wiederfinden.

Und es gilt noch etwas: Niemals veruteile oder urteile ich über Menschen. Ich höre mir immer ihre Geschichte an und nehme sie in den Arm. Bei allen Geschichten, die ich über Schwangerschaftsabbrüche gehört habe, ist sehr viel Schmerz dabei. Und es gibt nichts zu diesem tiefen Schmerz zu sagen. Wenn es jemandem wirklich schlecht geht, “ist es Besten, man setzt sich mit in das tiefe Loch und hält die Person einen Moment fest”, so Nicole Staudinger. Eine Bestseller Autorin über die schwerste Zeit ihres Lebens.

Viele Frauen leiden nach einem Schwangerschaftsabbruch an einer post-traumatischen Belastungsstörung. Manche nicht. Erforscht soll es nun nochmal werden mit viel zu viel Geld, was man besser in Hebammen, Krankenhäusern oder bei Stiftungen hätte gebrauchen können, die Frauen unterstützen, die ihr Kind eigentlich gern bekommen wollen. Eine dieser Stiftungen nennt sich “Patin für 9 Monate”.

Eine gute Sache, gerade wenn man ein Baby bekommen möchte, aber nicht weiß, wie sich das finanziell und sozial lösen lassen könnte und man Begleitung und Hilfe haben möchte. Und da sind wir beim Kernpunkt, an dem ich Nina Katrin Straßner, alias die “Juramama” zitieren möchte:

“Ich bin der Meinung, dass jedes Kind auf die Welt kommen sollte. Aber nicht, indem wir über die Körper der Frauen bestimmen, sondern indem wir ein Umfeld schaffen, dass es möglich macht, Kinder zu bekommen.”

Gegen was sollten wir protestieren?

Ganz ehrlich, wenn ihr euch gegen Abtreibung einsetzt, wenn ihr protestieren und aufschreien wollt. Wenn ihr euch aufregt über feministische PRO Abtreibungsstimmen, dann protestiert! Aber nicht gegen die Frauen. Nicht gegen unseresgleichen, sondern gegen das System. Es darf nicht sein, dass Babys nur nicht auf dieser Welt sind, weil es Alleinerziehenden aufgrund der Steuer, der Betreuungssituation usw. extrem schwer gemacht wird. Es kann nicht sein, dass Familien mit 2 Einkommen nicht wissen, wie sie den Kindern Schuhe kaufen sollen. Es darf nicht möglich sein, dass eine Lobbypolitik so viel Raum hat, dass Familien und Kinder nicht gesehen werden.

Wir müssen aufstehen gegen Kinderarmt. Aufstehen für eine Kindergrundsicherung, für existenzielle Möglichkeiten, damit Kinder leben dürfen und Frauen ihre Kinder auf die Welt bringen können. Und selbst wenn das nicht die Gründe sind, apelliere ich an euer Mitgefühl. Hört zu! Versteht Herzen und Gedanken von Frauen, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Liebt. Schwangerschaftsabbrüche gab es schon immer aus diversen Gründen und sie waren illegal sehr viel gefährlicher.

Ich möchte für dieses Thema Jesus und die Bibel nicht instrumentalisieren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Jesus auch im Jahr 2019 dafür wäre, dass Babys auf die Welt kommen. Er würde aber auch das vertrackte System wahrnehmen, das gesellschaftliche, politische und soziale Gefälle. Er würde verstehen, dass ein Baby nicht sofort liebende Adoptiveltern findet und auch diese Entscheidung für eine leibliche Mutter ein ganzes Leben lang eine schmerzhafte Last ist. Er würde das Herz der schwangeren Frau halten. Heilen. Tragen. Vergeben. Lieben.

Dieses Tabuthema endlich besprechen

Wir müssen uns dafür einsetzen, dass dieses Tabu Thema endlich aufgebrochen wird, endlich Raum findet. Dieses Thema darf kein schweigendes Thema sein. Es darf nicht sein, dass konservative Christen laut aufschreien und sich mit Abtreibungsbefürwortern streiten und währenddessen eine einsame, junge Frau erst zu Pro Familia gehen muss und danach in die Abtreibungsklinik, um sich dort, schambehaftet auf die Liege zu legen und danach niemanden zu haben, mit dem sie sprechen und weinen kann. Und ja, das sage ich, die sich als gläubige Christin immer für das Leben der Kinder aussprechen würde.

Aber, ihr Lieben. Das Leben ist nicht schwarz-weiß. Es ist grau und manchmal neblig und das Einzige was uns durch diesen Nebel trägt, ist Zuhören und Toleranz. Denn Hass, böse Worte und Verurteilung, egal in welche Richtung, haben die Menschheit noch nie einen Schritt weiter gebracht.

 

4 Kommentare

  1. Regina sagt

    Sehr gut geschrieben – ja, das glaube ich auch, dass es ums gegenseitige Achten und Zuhören geht. Den Artikel von Juramama fand ich auch sehr gut!

  2. Danke für diesen schönen Artikel! Ich habe nie abgetrieben, weil ich das große Glück habe, nie in so eine Situation gekommen zu sein, dass eine Schwangerschaft ungewollt war. Aber ich habe in meinem Leben mehrere Frauen gesprochen, die abgetrieben haben. Aus verschiedenen Gründen. Ich kann sogar alle Gründe nachvollziehen und hätte in der jeweiligen Situation vermutlich sogar die selbe Entscheidung getroffen. Aber selbst, wenn nicht, mir steht es nicht zu, da überhaupt zu urteilen. Keine von ihnen hat es sich “leicht gemacht”. Im Gegenteil. In der jeweiligen Situation war es von nur unschönen Optionen die für diese Frau beste Entscheidung. Trotzdem trauerten sie. Wie du sagst: in den Arm nehmen.

  3. Viermalmeins sagt

    Ein guter Artikel, der im Ganzen auch meine Meinung zum Thema trifft. Aber: Bitte sprich doch nicht von „Abtreibungsklinik“. In Deutschland werden
    Abbrüche in stinknormalen Krankenhäusern vorgenommen, so weit ich weiß. Ein Extra-Wort dafür ist nur wieder unnötig stigmatisierend und außerdem schlicht falsch.

    • prislacht sagt

      Danke! Das war mir so nicht bewusst, ich dachte, einen Schwangerschaftsabbruch führen nur einige durch. Danke für den Hinweis.

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