Elternzeit, Familie, Nachdenkenswertes
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Kleine Zicke, Haustyrann – warum unser Blick aufs Kind entscheidend ist

Boah – jetzt mach doch bitte nicht so ein Theater.

Ich stehe mit meinem Kind vor der Kita und eigentlich könnte alles so schön sein. Die Lieblingserzieherin kommt uns an der Tür entgegen, die Sonne scheint und wir sind ausnahmsweise mal richtig pünktlich. Doch das Kind möchte nicht in die Kita. Heute nicht.

Denn genau an diesem Morgen hat es beschlossen, dass es die Kita doof findet. Da hilft alles nicht. Die warmen und wertschätzenden Worte der Lieblingserzieherin verhallen, genau wie mein langsam etwas verzweifelt werdendes Bitten und Überreden. Das Kind klammert sich an mich und möchte keinen Meter gehen. Die hat dich ganz schön im Griff, sagt eine andere Mutter, die mich und das Kind zwar kaum kennt, aber unsere Szene trotzdem nicht unkommentiert lassen kann. Im Griff – hämmert es in meinem Kopf. Sie manipuliert mich. Sie macht Theater. Mein Herz schlägt mittlerweile bis zum Hals und mein Magen beginnt, sich unschön anzuspannen, als erwarte er, gleich von einem Basketball getroffen zu werden. Jetzt geh da halt rein, möchte ich brüllen. Oder besser noch, das Kind schreiend der Lieblingserzieherin in den Arm drücken und einfach gehen.

Doch dann fällt mein Blick auf die kleinen, roten Augen des Kindes und ich schaue es mir genau an. Gestern war es spät, erinnere ich mich. Was für ein turbulenter Abend – und heute Morgen kam sie kaum aus dem Bett. Natürlich macht sie kein Theater. Sie ist müde – und ein bisschen überfordert vom Trubel an der Eingangstür. Ich nehme sie an die Hand und ziehe sie ein Stück weg. Wir setzen uns auf die Bank draußen und kuscheln noch ein bisschen. Die „sie hat dich ganz schön im Griff-Mama“ läuft an uns vorbei und lächelt spöttisch. Hat sie nicht, denke ich und atme tief ein und aus.

Da habe ich gerade noch einmal die Kurve bekommen, heraus aus meiner Gedankenspirale, die meinem Kind einfach immer nur das Schlechte unterstellen möchte. Doch warum ist das überhaupt so? Warum müssen wir uns bewusst dazu überreden, bei Kindern erst einmal genau hinzusehen und warum schwingen oft ganz automatisch so negative Zuschreibungen mit, wenn wir Kinder in schwierigen Situationen sehen?

Die Geschichte des boshaften Kindes

In meinem Buch „Unperfekt, aber echt“ habe ich dieser Frage ein ganzes Kapitel gewidmet, in dem ich der Herkunft solcher Gedanken auf den Grund gehe und schaue, wie wir aus dieser Spirale wieder aussteigen können.

„Die Warnung vor der Boshaftigkeit unserer Kinder ist sehr alt. Sie dominierte viele Erziehungsschriften des 18., 19. und 20. Jahrhunderts. Welche Bilder wir uns von Kindern machen, hängt eng damit zusammen, wie wir die Welt und die darin lebenden Menschen als solche wahrnehmen. Erleben wir die Welt als vertrauenswürdigen Ort, an dem wir von Gottes Gnade umgeben und von IHM beschenkt sind, dann fällt es uns leichter, auch in die Entwicklung unserer Kinder zu vertrauen und uns auf das zu fokussieren, was gut ist. Je mehr die Welt uns aber als dunkler, gefährlicher und feindseliger Ort erscheint, desto eher glauben wir, diese Seiten auch schon in kleinen Menschen zu erkennen. Auch ein Blick in die Geschichte unserer Vorfahren zeigt das. Der Kinderarzt und Autor Herbert Renz-Polster schreibt dazu: „Hatten Gesellschaften oder bestimmte Schichten Aufwind, so folgten sie in der Erziehung auch bald einem ‚helleren‘ Kinderbild […]. Umgekehrt wurde es auch für Kinder eng, wenn Gesellschaften in Not gerieten.“

Die Welt unserer Großeltern und Urgroßeltern war voller Nöte und Feindbilder. Das 20. Jahrhundert war geprägt von zwei fürchterlichen Kriegen. Mit dem Holocaust verübten Menschen in unserem Land das schlimmste Verbrechen, das es jemals gegeben hat. Es darf nicht wundern, dass eine Gesellschaft, die zu solcher Grausamkeit in der Lage war, auch ein Bild vom Kind verinnerlicht hatte, das diesem nur das Schlechte unterstellte.

So warnte die NS-Ärztin und Autorin Johanna Haarer Mütter davor, außerhalb der von ihr vorgesehenen Fütterungsintervalle auf das Weinen ihrer Babys zu reagieren. „Das Kind begreift unglaublich rasch, dass es nur zu schreien braucht, um eine mitleidige Seele herbeizurufen und Gegenstand solcher Fürsorge zu werden. Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird – und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig!“

Dass sich solche Gedanken bis heute verbreiten konnten, liegt nicht nur daran, dass sie sich tief in die Köpfe unserer Vorfahren eingepflanzt hatten. Vielmehr wurden sie auch weiterhin ordentlich bewässert. Die Schriften der NS-Autorin Johanna Haarer wurden nach Kriegsende von ihrem ideologischen Einschlag befreit. Doch die grundsätzlichen Erziehungsgedanken blieben stehen, und bis in die 1980er-Jahre hinein wurden sie in Westdeutschland als Erziehungsratgeber verkauft und von jungen Eltern gelesen. Bis in die 1980er-Jahre hinein – das bedeutet für viele von uns: Bis in unsere Kindheit. Ganz sicher aber bis in die Kindheit unserer Eltern, Tanten, Onkels, Lehrer oder Erzieher. Mit einer großen Wahrscheinlichkeit bist auch du ein Kind, das auf keinen Fall „tyrannisch“ werden sollte, und selbst wenn deine Eltern sich bewusst für einen anderen Blick auf dich entschieden haben, so haben sie es sicherlich einmal gehört. Vielleicht vom Nachbarn, der nicht ertragen konnte, dass es bei euch daheim anders zuging als bei ihm. Vielleicht von Lehrern, die sich über dich geärgert haben, oder im Konflikt mit den Großeltern.“ (Aus: Daniela Albert, Unperfekt, aber echt. Mit Jesus durch den Erziehungsalltag. Was christliche Familien stark macht.)

Heraus aus der Gedankenspirale

Wenn wir in Konflikten mit Kindern an unsere Grenzen geraten, liegt das oft auch daran, dass wir ihnen böse Absichten unterstellen, die sie überhaupt nicht haben. Auch in unseren Köpfen sitzt das Bild vom „kleinen Haustyrannen“, selbst wenn wir es vielleicht überhaupt noch nie über uns oder unsere Kinder gehört haben und uns dessen nicht bewusst sind. Deswegen ist es auch heute hilfreich, kurz ein paar Schritte zurückzugehen, wenn wir merken, dass Situationen mit unseren Kindern schwierig sind und dass wir das Gefühl haben, von ihm „manipuliert“ zu werden. Mit etwas Abstand erkennen wir nämlich oft, dass das Problem wo ganz anders liegt. So wie bei meinem Kind, das einfach nur müde war. Wenn wir das einmal erkannt haben, müssen wir plötzlich keine Machtkämpfe mehr gewinnen, sondern können in Ruhe das eigentliche Problem lösen. Innere und äußere Stimmen über böse Absichten unserer Kinder können wir dann sehr gut ignorieren.

Im Falle meines Kitakindes reichte letztlich eine Kuschelrunde zum Auftanken und die Übergabe in den Arm der Erzieherin, als es an der Tür nicht mehr ganz so trubelig war.

 

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin, Eltern- und Familienberaterin, Bloggerin und freie Autorin und lebt mit ihrem Mann, ihren drei Kindern und einer wechselnden Anzahl von Vierbeinern in Kaufungen bei Kassel. Ihr Herzensanliegen ist es, die Welt am Küchentisch gesund zu lieben. Mehr von ihr gibt es auf ihrem Blog auf  und in ihrem Buch “Unperfekt aber echt” zu lesen.*

 

(*affilite Link)

 

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