Elternzeit, Familie
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Kleine Menschlein ganz groß

Lisa-Maria lebt mit Mann und zwei Kindern in Chemnitz. Sie ist Psychologin, Familientherapeutin und Journalistin. Nebenbei gibt sie auch gern Nachhilfe. Sie liebt eine gute Balance zwischen Familienzeit und Auszeit für sich selbst, Zeit zum Schreiben, Musik machen, Lesen, Nähen, Städtetrips und das Kaufen von Second Hand Kleidung.

 

 

Vor etwa einem Monat war ich zum ersten Mal in meinem Leben auf einem Elternabend. Der erste im Kindergarten unserer Tochter.

Es ging um Anwesenheitslisten, Gruppenkasse, Elternräte, Infektionsschutz (völlig klar in der aktuellen Zeit), die Wahl der richtigen Sonnencreme (Warum besprechen wir dieses Thema mitten im Winter?), Wechselkleidung und Termine wie Herbstfeste und Weihnachtsfeiern. Einen thematischen Input zum Thema „Grenzen setzen“ gab es auch. Und wir Eltern bekamen sogar Hausaufgaben: Ein Blatt mit Familienfotos basteln, einen Brief für die Kindergartenzeit an unser Kind schreiben und alle Kleidungsstücke mit Namen versehen.

Ich saß zwischen all den anderen Müttern und fühlte mich zugehörig und fremd zugleich. Ich hatte tatsächlich Bauchschmerzen, so aufgeregt war ich.  Vor lauter Schreck rief ich danach erst einmal meine eigene Mutter an und sagte ihr, dass ich mich so furchtbar „elterlich“ fühle. Sie lachte nur und fragte, ob mir noch nicht aufgefallen sei, dass ich zwei Kinder hätte. Natürlich war mir schon vorher bewusst, dass ich zweifache Mutter bin. Aber nun wurde mir auch klar, dass eines dieser Kinder nun ein Kindergartenkind ist – mein kleines Mädchen wird groß. Und diese unvermeidliche und unbestreitbare Tatsache löst – neben den Veränderungen, die das für unseren bisher gut eingespielten Alltag bedeutet – in mir sehr widerstreitende Gefühle aus. Einerseits könnte ich nicht stolzer sein auf meine kluge und wunderschöne Tochter. Wenn sie jetzt früh mit ihrem noch fast zu großen Kindergartenrucksack neben mir losspaziert, quillt mein Herz über vor Freude und Stolz. Andererseits entfernt sie sich durch den Kindergarten wieder ein Stück mehr von mir und das ist hart und furchterregend.

Elternabende, das war für mich immer eines von diesen Dingen, die meine eigenen Eltern früher  gemacht haben. Genau wie Sparkonten eröffnen, Versicherungen abschließen, Autos kaufen – Erwachsenendinge eben. Und jetzt sind das alles Dinge, die auch zu meinem Leben gehören. Das zeigt mir jedes Mal wieder, dass ich älter werde und scheinbar irgendwie auch doch noch erwachsen. Ich bin umso froher, noch eine ganze Weile in Elternzeit mit Kind Nummer 2 zu sein. So hab ich noch ein Stückchen länger ein kleines Menschlein zu Hause, dass mich braucht. Doch auch dieses kleine Menschlein wird größer, älter und selbstständiger. Und ehe ich es mich versehe, sitze ich zum zweiten Mal bei einem ersten Elternabend, dann für unseren Sohn.  Nicht lang danach folgen der erste Elternabend in der Grundschule, die ersten Lehrer-Eltern-Gespräche in der Oberschule, der Schulabschluss… jeder Schritt ein Schritt mehr in die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit.

Meine Aufgabe als Mutter sehe ich darin, meine Kinder auf diesem Weg zu begleiten, ihnen zur Seite zu stehen und zu helfen, wenn sie mich brauchen und es wollen. Ihnen immer einen sicheren Rückhalt zu geben und ein zu Hause, in dem sie jederzeit mit offenen Armen empfangen werden und für einen Moment wieder die kleinen Menschlein sein können, die sie mal waren. Und sie dann wieder mit neuer Kraft loszulassen auf ihrem eigenen Lebensweg.

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