Gestern ist eine meiner Freundinnen gestorben.
Einfach so ist sie morgens umgefallen und liegen geblieben.
Den ganzen Tag nach dieser schockierenden Nachricht, dachte ich, ich hätte mich verhört.
Es würde nicht stimmen.
Ich fragte meinen Mann: „Björn, hast du auch gehört, dass sie gestorben ist?“
Er sah mich liebevoll an, berührte mich leicht und sagte leise: „Ja, ich habe es auch gehört.“
Und mir schossen wieder die Tränen in die Augen.
Es ist also wahr. 30 Jahre jung ist sie geworden und ist einfach von uns gegangen. Sie hinterlässt zwei Kinder, eines davon erst vier Wochen alt.
Ich bereue all die Zeit, die ich nicht mit ihr verbracht habe. Immer wieder habe ich ein Treffen aufgeschoben, nie hat es in meinen vollen Kalender gepasst. Ich dachte immer, wir könnten das nachholen, wir hätten ja noch ausreichend Zeit.
Auch ihr Geburtsgeschenk stand noch hier. Immer neben mir auf meinem Schreibtisch. Ich hatte es nicht geschafft, es einzupacken und wegzuschicken. Überlegte immer, ob ich es nicht doch schaffen würde, es persönlich bei ihr vorbei zu bringen.
Gestern wollte ich es mit zur Post nehmen, entschied mich dann aber dagegen. Sie hat morgen Geburtstag, ich könnte es ihr vielleicht doch persönlich bringen.
Nun steht es neben mir. Sie braucht es nicht mehr.
Seit 24 Stunden stehe ich unter Schock. Mein Körper wechselt von eiskalt zu Hitzewallungen. Er rebelliert gegen Essen und reagiert mit Magenschmerzen. Nachts lag ich zwei Stunden wach, Tränen rannen mir aus den Augen.
Ich versuche für meine Kinder da zu sein, habe dafür Termine für meine Arbeit verschoben. Ich kann nicht denken. Ständig fange ich wieder an zu weinen, wenn ich nur an sie denke.
Die Nachricht ihres Todes hat mich unvorbereitet getroffen, mitten im Auto, als ich gerade ein Kind zum Ballettunterricht fuhr. Ich konnte es nicht glauben. Ich wollte einen Beweis. Hatte ich mich nicht nur verhört?
Abends führte ich ein Telefonat und danach wusste ich, dass es stimmte. Es war tatsächlich real.
Sie war nicht mehr da.
Ich weinte. Stundenlang. Mitten in der Nacht wachte ich auf und Tränen rollten aus meinen Augen. Ein Schockzustand hatte meinen Körper erreicht.
Meine Hände zitterten noch nach 24 Stunden.
An solchen persönlichen Schicksalen habe ich nicht mal mehr Kraft für Wut, habe nicht mal mehr Lust, Gott zu fragen, wieso er das zulässt. Die Theodizeefrage rückt in den Vordergrund, wenn man persönlich betroffen ist. Sie ist erklärbarer, Gott als Gott der uns Menschen die Freiheit lässt. Wir, die wir in einer Welt voller Schmerz leben. Achselzucken als Ausweg für uns angesichts der täglich furchtbaren Katastrophen weltweit, um es überhaupt ertragen zu können.
Aber wenn es einen persönlich trifft, möchte man die Frage nach der Allmacht Gottes gern stellen.
Doch ich bin zu müde.
Ich schweige. Ich weine.
Eine meiner besten Freundinnen geht mit mir spazieren. Das hilft mir, in meinen Körper zu finden. Da ich die ganze Zeit fror, hatte ich einen dicken Wintermantel an und eine Wollmütze auf, sah aus wie der lebende Tod. So blass und verquollen.
Bei 16 Grad schwitze ich nach 30 Minuten. Das hilft. Ich spüre mich.
Trauer kennt keine Regeln, weiß ich. Und lerne ich nun. Ich habe noch nie einen solchen Schock erlebt. Auch die nach Unfällen fühlen sich anders an.
Und es fühlt sich ebenfalls total falsch an, überhaupt nur darüber nachzudenken, wie ich mich fühle, wenn eine andere Familie diesen Kummer erlebt.
Aber mitten in meinem sich körperlich manifestierenden seelischen Kummers denke ich nur: Wie komme ich klar? Wie kommt die Familie klar? Wie kann ich wieder arbeiten? Wann wird mein Kopf und mein Körper sich dazu entschließen, den Schock zu verarbeiten? Und. Werde ich heute Nacht schlafen können?
Die Phasen der Trauer
Tatsächlich reagieren Menschen bei einem schlimmen Trauerereignis zu Beginn mit einer abwehrenden Haltung. Man will es nicht wahrhaben. Man empfindet vielleicht auch gar nichts oder reagiert mit körperlichen Beschwerden.
Danach folgen weitere Phasen der Trauerverarbeitung, wie Zorn, Verhandeln, Depression und schließlich Akzeptanz. Es können Jahre vergehen, bis Angehörige den schmerzlichen Verlust tatsächlich bewältigt haben.
Tatsächlich gelten die Phasenmodelle inzwischen als überholt, aber dazu gleich mehr.
Ich habe nachgelesen:
Zu den körperlichen Symptomen der Trauer gehören unter anderem ein Engegefühl in der Brust, Herzrasen, Kurzatmigkeit, Muskelschwäche sowie ein Leeregefühl im Magen, aber auch eine starke Müdigkeit und Energielosigkeit. Diese führt dann oft zu einer Unfähigkeit, Dinge zu erledigen.
Wie verarbeite ich den Tod?
Wie kann ich Trauer bewältigen, wenn sie mir schier den Atem raubt?
Tatsächlich hilft, darüber zu sprechen und sie zuzulassen. Der Schmerz des Verlustes, das Gefühl, diesen nicht bewältigen zu können kann schier unendlich groß sein. Aber ihn zuzulassen hilft, um ihn bewältigen zu können.
Aber auch sich abzulenken, viel trinken, das eigene Leben nicht außen vor zu lassen, hilft dabei, um den Verlust zu verarbeiten.
Das Phasenmodell der Trauer verspricht, dass die Trauer einen Anfang ein Ende hat, doch das entspricht nicht der Realität.
Die einzige Aufgabe, die jemand dann hat, wenn einem so etwas geschieht, ist: Trauern. Je größer der Verlust, desto größer wird auch die Trauer sein.
Die Psychotherapeutin Megan Divine sagt: „Der Krater, der sich in einem Leben auftut, wird nie verschwinden. Er wird auch nicht kleiner werden. Aber es wird sich ein anderes Leben rund um den Krater ansiedeln, wenn getrauert werden darf.“ Doch eines sei klar: Der Verlust eines geliebten Menschen bleibe bestehen.
Demnach gehört es zum Trauern nicht dazu, den verlorenen gegangenen Menschen „loszulassen“ und mit dem Verlust abzuschließen, wie Phasenmodelle das vorschlagen. Sondern trauernde Menschen finden weiterhin einen Platz für die Toten in ihrem Leben und ihren Gemeinschaften.
In der Geschichte eines Verlustes gibt es immer drei wesentliche Teile einer Geschichte. Das Davor, dann den Moment des Verlusts und das Danach. Wenn ein junger Mensch von dieser Erde geht, wie in meinem Fall, dann gibt es vor allem viele Momente „Danach“ und damit auch ein ganzes Leben, das man nicht mehr teilen kann. Das ist ungemein schmerzhaft.
Es ist jetzt Nacht. Ich zögere es heraus, ins Bett zu gehen. Ich habe Angst vor den schlechten, unruhigen Träumen und fühle mich miserabel, weil sich meine Arbeit stapelt, ich zwei Tage nicht ansprechbar gewesen bin. Morgen hätte sie Geburtstag gehabt. Ihre Eltern und ihr Freund haben mir erlaubt, morgen öffentlich auf Instagram von ihr Abschied nehmen zu dürfen. Ich weiß noch nicht, ob ich dazu die Kraft habe.
https://www.ardalpha.de/wissen/psychologie/tod-trauer-liebe-begleitung-verlust-beziehung-100.html