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“Du bist ein Gott, der mich sieht”

Jedes Jahr ziehen ein paar Menschen einen Bibelvers, der die Christen als Motto durch das Jahr begleitet. Und dieses Jahr, komme ich tatsächlich nicht an diesem Satz vorbei. Er fasziniert mich und vor allem die Geschichte, die dahinter steht. Eine Geschichte, die ich schon als Kind gleichzeitig sowohl faszinierend, als auch irritierend empfand.

Es ist die Geschichte der Sklavin Hagar. Hagar bedeutet “Fremde”. Hagar ist die Stammmutter der Muslime, die Nebenfrau von Abraham und Sklavin von Sara, dessen Frau.

Sara und Abraham warten vergeblich auf Kinder, sind uralt, so findet Sara die Lösung darin, dass Abraham ihre Sklavin Hagar zur Nebenfrau erwählt, um Kinder zu zeugen. Das ist für uns schockierend, war in damaligen Zeiten in der Kultur aber nicht unüblich. Hagar wird schwanger und bekommt einen Sohn. Sie nennt ihn Ismael. Später wird auch Sara wundersamerweise schwanger. Ihr Sohn heißt Isaak. Sara wird eifersüchtig auf Hagar, es ist ein schwieriges Zusammenleben. Daher wird Hagar gebeten, zu gehen. Gebeten ist das falsche Wort, denn sie hat keine Wahl.

Abraham und Sara nennen sie die ganze Zeit nicht bei ihrem Namen, daher ist es umso erstaunlicher, was dann geschieht, aber vorher will ich einen kurzen Exkurs in den Koran geben.

Dort bekommt Hagar mehr Aufmerksamkeit in den Texten als Sarah. Hagar wird mit ihrem Sohn Isamel in der Wüste ausgesetzt. Er schreit vor Hunger und Durst. Hagar ist verzweifelt und versucht, Hilfe zu finden. Sie rennt zwischen den Hügeln hin und her. Doch vergeblich, niemand ist da, um sie zu retten. Als sie zu ihrem Sohn zurückkehrt, stampft dieser vor Verzweiflung und Wut in den Sand. Und dadurch öffnet sich die Quelle Zam Zam, die Quelle des Lebens.

Hagar gilt im Islam als Mutter des Vertrauens und der Beharrlichkeit im Glauben. In der Bibel geht Hagar mit Ismael und einen Wasserschlauch in die Wüste. Als das Wasser alle ist, legt sie Ismael unter einen Strauch und setzt sich in der Nähe weg und sagt: Ich kann nicht mit ansehen, wie das Kind stirbt. Gott hört ihren Sohn schreien und schickt einen Engel zu ihr. Der spricht zu ihr: Was hast du, Hagar? Fürchte dich nicht, denn Gott hat die Stimme des Knaben gehört, dort, wo er liegt. Steh auf, nimm den Knaben hoch und halt ihn fest an deiner Hand; denn zu einem großen Volk will ich ihn machen. Gott öffnete ihr die Augen und sie erblickte einen Brunnen. Sie ging hin, füllte den Schlauch mit Wasser und gab dem Knaben zu trinken. Gott war mit dem Knaben. Er wuchs heran, ließ sich in der Wüste nieder und wurde ein Bogenschütze.”

 

Doch das ist nicht alles.

Denn es gibt eine Vorgeschichte.

Schon als Hagar nur schwanger war, hatte Sara das Gefühl, ihre Magd würde sich über sie erheben. Also schikanierte sie Hagar, so dass diese floh. In die Wüste.

“Und Abram sprach zu Sarai: Sieh, deine Magd ist in deiner Hand. Mach mit ihr, was gut ist in deinen Augen. Da behandelte Sarai sie so hart, dass sie ihr entfloh. Der Bote des Herrn aber fand sie an einer Wasserquelle in der Wüste, an der Quelle auf dem Weg nach Schur.

Und er sprach: Hagar, Magd Sarais, wo kommst du her, und wo gehst du hin? Und sie sagte: Vor Sarai, meiner Herrin, bin ich auf der Flucht.

Da sprach der Bote des Herrn zu ihr: Kehr zurück zu deiner Herrin und ertrage ihre Härte. Und der Bote des Herrn sprach zu ihr: Ich werde deine Nachkommen reichlich mehren, dass man sie nicht zählen kann in ihrer Menge.

Dann sprach der Bote des Herrn zu ihr:

Sieh, du bist schwanger und wirst einen Sohn gebären, und du sollst ihn Ismael nennen, denn der Herr hat auf deine Not gehört.”

 

Und Hagar antwortete:

“Du bist El-Roi. Wahrlich, hier habe ich dem nachgesehen, der auf mich sieht”. Oder anders übersetzt: “Du bist ein Gott, der mich sieht.”

Gott spricht Hagar mit Namen ein. Vor ihm sind alle Menschen gleich. Er macht ihren Sohn zum Vorfahren eines wirklich riesigen Volkes.  Hagar ist nicht namenslos, sie wird gesehen. Gott ist ein Gott der Schutzbefohlenen und Namenslosen.

Sie wurde ausgebeutet als Sklavin, sogar körperlich benutzt und dann weggeworfen. Doch Gott sieht sie als Frau und Mensch. Gott ist der, der hört. Der das Schreien hört. Der beim Überleben hilft. Und nicht nur das: Er schenkt ihr Hoffnung, Lebensmut und die Aussicht auf unzählbare Nachkommen, ähnlich wie Abraham.

Was für eine Wahnsinns-Story. Was für eine Verheißung, dass niemand zu klein ist, niemand zu gering, als dass er nicht von Gott gehört werden würde.

Amen.

*Fotos von pexels.com

 

 

 

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