Familie
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Unsere Schulodyssee. 3 Schulen in 3 Jahren.

Ich bin mir sicher, uns geht es als Eltern allen relativ ähnlich: Die Schulfrage löst bei uns Kopfzerbrechen aus. Was ist gut für mein Kind? Wo fühlt es sich wohl? Was wäre das Beste? Und was, wenn es sich nicht mehr wohlfühlt? Wenn es Probleme hat, keine Freunde findet?

Die Antworten sind so individuell wie das Kind selber. Es gibt kein Richtig und Falsch. Nicht umsonst gibt es leistungsorientierte Schulen und Freilerner. Privatschulen und Waldorfschulen. Gymnasium und Hauptschule. Während mein Herz eine bestimmte Schule ablehnt, wandern Freunde von uns aus, weil sie ihre Kinder nicht im Schulsystem sehen. Während die Hälfte unserer Nachbarn Lehrer sind, hat der Mann schlechte Schulerfahrungen machen müssen.

Ich kann also nur von unserem individuellen Weg erzählen, der keinerlei Bemessungsgrenze an euch stellen soll, in keinster Weise eure Entscheidungen beeinflussen soll.

Unsere Lele sollte eigentlich in der 1. Klasse ins evangelische Schulzentrum kommen. So war zumindest der Plan. Als wir mit 200 weiteren Eltern in der stickigen, überfüllten Aula saßen, wurde uns eröffnet, dass nach den Geschwisterkindern, Lehrerkindern und 2 Integrativplätzen, nur noch (ich weiß die Zahl nicht mehr exakt) 15 Plätze frei sind. 150 Anmmeldungen seien aber abgegeben worden. Ich hatte dennoch Hoffnung. Ich war selber auf der Schule gewesen, meine Brüder waren damals sogar noch da. Vielleicht, ganz vielleicht würden sie sich an mich erinnern?

Natürlich nicht. Wir bekamen eine Absage.

Unsere erste Schule.

Glücklicherweise war die Schule in unserem Schulbezirk, in dem wir zu diesem Zeitpunkt wohnten, eine gute Schule. Die dortige Grundschule ist sehr leistungsstark, aber auch sehr leistungsorientiert. Den Druck bekamen die Eltern schon in der ersten Klasse zu spüren. Die Klasse selbst aber bestand aus homogenen, Mittelstands-Eltern. Es gab wenig Mobbing, wenig Prügeleien und noch weniger Kinder aus sozial schwächeren Verhältnissen. Das lag am Einzugsgebiet.

In diesem ersten Schuljahr fingen wir an zu bauen. Am anderen Ende der Stadt. Der Fertigstellungstermin stand fest und wir wollten Lele nicht jeden Morgen durch die halbe Stadt fahren. Außerdem dachten wir, wie gut es wäre, wenn sie dann die restliche Grundschulzeit an einer Schule sein könnte. Die neue Schule im Einzugsgebiet entsprach allerdings nicht unseren Vorstellungen. Es gab noch eine andere, ein paar Straßen weiter. Diese wirkte wie der Himmel auf Erden. Wir stellten einen Schulwechselantrag und besprachen mit der ersten Schule, dass wenn dieser nicht durchgehen würde, sie ein weiteres Jahr auf ihrer ersten Schule bleiben könnte. Der Schulwechselantrag zu dieser super-mega Schule ging aber durch. Lele wechselte. Sie wechselte gerne. Sie fand die neue Schule toll, fühlte sich bei ihren Besichtigungen wohl und freute sich auf weniger Leistungsdruck. Dazu später mehr.

Unsere zweite Schule.

Am ersten Schultag warLele blass und eiskalt, als wir durch das alte, kalte Gemäuer zu ihrem Klassenzimmer liefen. So viele Jahrzehnte hatte diese Schule schon Kinder beherbergt und nun auch unsere Lele. Ich fühlte mit ihr. Mir war kotzübel. Ihre neue Klasse und die Klassenlehrerin warteten schon auf sie. Alle standen auf dem Flur und freuten sich, als sie kam. Sie wurde sofort umarmt. Super herzlich. Ich fühlte sie gut aufgehoben. Die Schule hatte Gleitzeit- Unterricht. 8 Uhr ging sie offiziell los. Ich nehme es vornweg: Nach 9 Monaten Schule fand ich zufällig heraus, dass die Klassenlehrerin darauf bestand, dass in ihrer Klasse der Unterricht 8.45Uhr losging. Wir brachten Lele also 9 Monate lang zu spät zum Unterricht, ohne dass wir es wussten. Im Nachhinein ist das unglaublich lustig. In dem Moment jedoch sehr irritierend. Die Schule hatte ein offenes Schulkonzept. Freies Lernen mit Wochenplänen und Werkstattarbeit. Jedes Kind im eigenen Tempo und nach den eigenen Stärken und Schwächen. Es gab Lesezeiten, Gartenarbeit und ein riesengroßes Schulareal mit einem fantastischen Hort. Gegessen wurde in kleinen Gruppen. Eine Glocke erschallte über den Hof und ein Horterzieher rief “3a Essen!!!” Es war eine Dorfschule mit ganz eigenem, wunderschönen Flair. Es hat ein paar Monate gedauert, bis uns klar wurde, dass es Lele nicht wirklich gut ging. Ihre Noten wurden schlecht, ihre Leistung auch. Sie wurde gepiesackt weil sie an Gott glaubt und in den Reli Unterricht ging. Sie kam mit dem freien Lernen nicht zurecht, war zu langsam oder verstand nicht, in wie viel Zeit sie fertig sein musste. Sie durchblickte den Schulablauf schwer. Wann musste sie was zu welcher Zeit machen? Und wo?  Wann war Abgabe und wie viel sollte sie lernen? Vielleicht war es auch eine schwierige Kommunikation zwischen Lehrerin und Kindern, das mag ich nicht zu beurteilen. Sie hatte eine hingebungsvolle Lehrerin, die ihre Schüler sehr liebte und fantastische Klassenfahrten machte. Sie lehrte ihnen Selbstreflexion. Jede Woche gab es ein persönliches Gespräch mit Verbesserung und Neuausrichtung. Es war wunderschön, selten bis gar keine Hausaufgaben zu haben. Es war himmlisch ohne Leistungsdruck in dieser Bauphase unser Kind in die Schule zu bringen. Die Einstellung der Lehrerin war: “Fehler sind gut, daraus lernt man.”

2 Wochen vor Beginn der Sommerferien erhielt ich früh 8 Uhr einen Anruf: “Wir wollten nur mal nachfragen, ob sie noch Interesse an dem Schulplatz haben.” Mein Herz raste. Dieser Anruf kam komplett unerwartet und ich war sprachlos bis panisch. Ich dachte: “Wir können sie nicht nochmal wechseln lassen!” Dann dachte ich: “Doch, das ist gut. Es wird ihr gut gehen dort. Und sie muss nie wieder wechseln!” Wir entschieden uns, Lele selbst entscheiden zu lassen. Ich sagte ihr vorsichtig: “Lele, das evangelische Schulzentrum hat angerufen. Sie hätten im nächsten Schuljahr einen Platz für dich!” Innerlich bebte ich. Lele bekam große Augen und fing augenblicklich an, zu strahlen: “Ja? Oh wie toll. Wow. Ich freue mich!” “Du willst ehrlich wechseln? Also, du hast schon verstanden, dass das dann nach den Ferien ist?” “Ja, klar! Ich freue mich!”

Unsere dritte Schule.

Ich war sprachlos. Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. Schule abmelden, die Klassenkameraden verabschieden, die Tränen der besten Freundin trocknen, in der neuen Schule anmelden… ich stand unter Strom. Irgendwann in dieser Zeit erzählte mir Lele, wie sehr sie unter den Gängeleien, der Lautstärke im Klassenzimmer und der Unstrukturiertheit des komplett freien Lernens, gelitten hatte. Sie konnte sich schwer konzentrieren im Unterricht, war oft abgelenkt. Die Kombination zwischen freien Lernen und Frontalunterricht ist super für sie, das alleinige freie Lernen war nicht das Richtige. Dazu kam das Konzept “Schreiben durch Hören”, das ihre Rechtschreibung komplett kaputt machte.

Seit 2 Jahren nun ist sie auf der neuen Schule. Sie ist gleich am ersten Tag voller Freude und mit einem Strahlen auf dem Gesicht los gegangen. Und es ist dabei geblieben, es geht ihr sehr gut. Die Lehrerin war super. Sie wurde gefördert und hat nun eine wirklich gute Rechtschreibung. Ihre vielen Lücken aus der Zeit des freien Lernens wurden geschlossen und sie geht nun aufs Gymnasium. Das evangelische Schulzentrum ist eine wunderbare Schule für uns. Wunderbar ist auch, dass sie nicht wieder wechseln muss. Sowohl Grundschule, als ach Gymnasium und Oberschule sind vertreten. Wir lieben es sehr. Ich war selbst als Schülerin dort, daher kann ich es gut einschätzen.

Was ich aus dieser schwierigen Anfangszeit gelernt habe:

  1. Unsere Erfahrungen sind nicht eure Erfahrungen. Das ist höchst individuell zu betrachten.
  2. Wechseln ist definitiv eine Option. Die Kinder sind auf jeden Fall traurig und sehr aufgeregt, aber nach 1 Woche in der neuen Schule ist alles wieder vergessen. Wenn es den Kindern schlecht geht, darf und sollte man sich nach Alternativen umsehen, dafür gibt es die Diversität unserer Schulen
  3. Nicht jedes Schulmodell passt zu jedem Kind
  4. Schreiben durch Lesen oder Schreiben durch Hören? Auch hier gilt: Jedes Konzept hat sein Für und Wider. Vorher belesen und ggf anpassen
  5. Schule nimmt viel Raum ein im Leben unserer Kinder, daher ist eine gute Schulbegleitung seitens uns als Eltern als Gesprächspartner und Helfer ungemein wichtig.
  6. In Leipzig haben wir Bezirksschulen. Wir können zur Grundschule nicht anmelden, wo wir wollen. Wenn allerdings die Schule im Bezirk beispielsweise ein pädagogisches Konzept hat, dass ihr definitiv nicht mittragen könnt, kann man einen “Schulwechselantrag” stellen.

 

 

2 Kommentare

  1. Danke für deinen tollen Bericht. Wir haben nicht weit von uns eine Waldorfschule und stecken gerade mitten im Bewerbungsprozess. Viele Etappen konnten wir meistern, kamen auch in den Recall und nun steht noch das große Finale an: das 2-stündige “Vorstellungsgespräch” mit Eltern und Kind. Ich überlege auch, ob wir unsere Tochter später wechseln lassen würden, wenn es jetzt nicht klappen sollte. Aber erstmal haben wir noch Hoffnung. Unsere Chancen stehen nicht so schlecht wie bei euch (150 Anmeldungen, 40 Plätze).

  2. Margarete Audrey sagt

    So toll zu lesen! Wir freuen uns so aufs evangelische Schulzentrum!!!Übrigens,bei lesen durch schreiben ist mittlrweile belegt, dass es sher schlecht fürs Rechtschreibenlernen ist und auch sonst nicht sooo viele Vorteile bringt, wie es anfangs vermuten lässt…

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