Nachdenkenswertes
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Die Angst vorm Allein-sein.

 

 

Ich bin nicht gern allein. Zuhause, ja. Da fühlt sich das fantastisch an. Ansonsten habe ich zum Glück immer mindestens ein Kind bei mir, hinter dem ich mich verstecken kann. Ich habe es verlernt, allein zu sein.

Früher war ich gern allein. Ich bin sogar allein ins Kino gegangen, wenn niemand mitkommen wollte. Ich fand es großartig, allein shoppen zu gehen und mich mit einem Buch ins Café zu setzen. Jetzt fühlt sich das komisch an. Wenn ich mal kein Kind mit habe, so ist glücklicherweise immer noch mein Handy mit und damit auch mein Kontakt zu vielen tausenden Menschen. Ich ertappe mich dabei, wie ich auf dem Spielplatz sitze und nach 2min Ruhe mein Handy raushole. Die Kinder spielen und brauchen mich nicht. Ich bin allein. Doch das halte ich nicht lange aus. Doch wie war das früher, als ich einfach nur allein war ohne Kinder? Wieso kann ich heute nicht mehr allein sein, ohne dass es sich merkwürdig und einsam anfühlt?

Ich rede hier nicht von Alleinsein mit meiner Familie. Das bin ich sehr gern. Ich liebe Urlaube, bei denen wir keine fremden Menschen um uns herum haben. Einsamkeit und Zurückgezogenheit. Aber ganz allein sein in dieser Welt, in meinem Alltag… das fällt mir schwer. Da kommen schnell Empfindungen hoch, dass ich einsam bin und allein und keine Freunde habe. Dabei habe ich viele Freunde und theoretisch gar keine Zeit um alle regelmäßig zu sehen. Es ist verfahren.

Unsere Gesellschaft ist laut und angefüllt von Stimmen. Nie ist Ruhe. Im Auto machen wir das Radio an. Im Geschäft dudelt uns die richtige Musik ins Ohr, damit wir auch ja genug kaufen. Auf Arbeit und in der Schule… überall sind Menschen. Und Abends schalten wir den Fernseher ein. Wir haben uns so sehr an die Hintergrundgeräusche gewöhnt, dass sie uns schon gar nicht mehr auffallen. Viele von uns verstecken sich hinter den Gräuschen. Wenn sie da sind, sind wir nicht allein. Oder wer von euch hat nicht schon mal den Fernseher oder das Radio eingeschaltet, damit er nicht so allein war beim Essen?

Wenn ich allein bin, ohne irgendwelche Geräusche, dann muss ich mich mit mir auseinandersetzen.

Vielleicht fürchten wir uns, vor dem Allein-Sein, weil wir mit uns selbst nicht zurecht kommen. Wenn wir mit uns selbst nicht klarkommen, verstecken wir uns vor uns selbst. Vielleicht mit Alkohol und Drogen, aber eben auch mit Lärm und Beziehungen. Es sind und bleiben Süchte und Abhängigkeiten. Wir betäuben damit den Schmerz in uns. Aber es ist wichtig, dass wir in die Stille gehen und dort frei werden.

“Die Wahrheit ist: Wir mögen uns nicht besonders. Also meiden wir unsere eigene Gesellschaft. Warum sollte man schließlich mehr Zeit als unbedingt nötig mit jemandem verbringen, den man nicht toll findet? Die meisten getriebenen Menschen, die ich kennen gelernt habe, verfolgen eine Sache in übersteigertem Maß, weil sie sich selbst nicht mögen und glauben, nur dann eine Bedeutung zu haben, wenn sie etwas Bedeutsames auf die Beine stellen. Wenn sie mit ihrem Leben etwas Lohnenswertes anstellen, kriegt ihr Leben selbst einen Wert. Das Problem an dieser Einstellung ist, dass diese Menschen niemals Frieden finden werden, dass sie niemals eine Pause machen können. Das gute Gefühl, das mit jedem Erfolg kommt, ist nur von kurzer Dauer. Dann muss man wieder ein neues Ziel erreichen. Das Leben wird anstrengend. Es ist, als würde man einen immer währenden Test schreiben und genau wissen, dass man ihn nicht bestehen kann.”   Mike Pilavachi

Das Wichtige ist also, nach den Ursachen zu forschen: Warum bin ich nicht gern allein? Woher kommt dieses Getriebensein? Was ist der tiefe Schmerz in mir? Hier geht es darum, die Ursachen des Schmerzes zu finden und nicht nur die Symptome zu behandeln. Wir müssen anfangen, der Wahrheit ins Angesicht zu schauen, denn nur die macht frei. Was ist die Alternative zur zwischenzeitlichen Erleichterung? Sie besteht darin, nicht wegzulaufen. Die Abhängigkeit von Menschen, von Erfolg oder auch nur von Schokolade stellt oft einen Versuch dar, der Wirklichkeit zu entfliehen. Wenn wir diese Dinge im Übermaß konsumieren, entfliehen wir der Einsamkeit.

Wir haben Angst vor dem Schmerz. Der Schmerz den wir fühlen, wenn wir wirklich mal Ruhe haben. Wenn wir allein sind. Dann kommen Gedanken und Gefühle hoch, die wir meistens nicht fühlen wollen. Bei mir ist es die nagende Angst, einsam und verlassen sein zu können.

Wir betrachten den Schmerz als unseren Feind und versuchen ein weitestgehend schmerzfreies Leben zu führen. Dabei ist der Schmerz nicht per se negativ. Gäbe es keine Schmerzen, würden wir unsere Hände auf der heißen Herdplatte lassen und verbrennen. Schmerz zeigt uns, dass etwas nicht stimmt. Und das gilt ebenso für den emotionalen Schmerz. Wir müssen aufhören, vor den Problemen wegzurennen. Wir müssen aufhören, die Momente der Stille zu betäuben um uns ja nicht mit uns selbst auseinandersetzen zu müssen.

Geben wir uns nicht mehr mit Oberflächlichkeiten zufrieden, sondern werden wir lieber wirklich frei. Und dann fangen wir doch an, wieder gern mit uns allein zu sein.

IMGP5174

 

3 Kommentare

  1. mama.wutz sagt

    Ich denke, das angesprochene Thema lässt sich auch auf den Kontrast Kinderlos und Kinderreich beziehen.

    Extreme jagen uns immer Angst ein.

    Und so wie (gewollt) Kinderlose wahrscheinlich vor dem vielen Kinderlärm und den damit verbunden Strapazen voller Respekt gegenüber stehen, jagt den Kinderreichen diese erdrückende Stille Angst ein.

    Beides ist anstrengend auf seine Art und Weise und nach einer gewissen Zeit verliert man das Einfühlungsvermögen und die Vorstellungskraft für die andere Seite. Und irgendwann lernt man, mit dem jetzigen so Frieden zu schließen, dass man sich aus Schutz nur die Vorteile bewusst macht und die Nachteile verdrängt. Ganz natürliche Mechanismen, die uns irgendwann aber engstirnig werden lassen. Oder sagen wir lieber: ängstlich.

    Aber die Stille verbinde ich auch eher mit dem Thema Tod. Denn dazu kommen dann bei mir immer viele Fragen auf. Dass ich mit mir selber klar komme, damit habe ich eigentlich kein Problem… Aber das Auseinandersetzen mit dem Thema Tod, Endlichkeit und der Ewigkeit, die nicht für mich gelten wird (als Agnostiker zumindest) – da gehe ich eher auf Konfrontations-Abweich-Kurs. 😉 Das Gefühl, dass alle, die ich liebe, nicht ewig auf der Erde sein werden, ist schmerzlicher als das Wissen, dass mein Leben endlich ist. Und richtig schlimm finde ich es, seit dem ich Kinder habe. Der Trost der Gläubigen ist da manchmal beneidenswert.

  2. Pingback: Priska - 'mamalismus' - mamaabba

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